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Willemsen: Herz des weissen Löwen

Der Löwe, zumal der mit Mars-Sonne, ist ja immer ein getriebener Gestalter, der sich verausgaben muss - und, wenn alles gut geht, mit viel ausübender Wärme gesegnet. Roger Willemsen nun hat bei all dem das Pech gehabt, mit seiner unglaublichen Begnadung des 5. Prinzips (5 Faktoren!) in einer Zeit groß zu werden, die keine wirklich Großen mehr toleriert, vor lauter Neid oder Selbstüberschätzung. Wo Hinz sich mit Kunz inzwischen für ein Genie hält (vor allem unter Denkern und Schreibern, nach Pluto im Schützen), fällt das wirkliche Genie erst wieder auf, wenn es fort ist. Nun ist also auch noch Roger Willemsen tot.

Ein Erschaffer, ein initialer Erfinder, Durchdringer (bei Mars-Pluto), äußerst kluger Autor, mutiger Redner, einer der letzten Besonderen im Äon der chronischen Allrounder und Unterflieger oder der ewigen Medien-Menschen, die im Irgendwie um Irgendwas konkurrieren. Das hatte er nicht nötig. Weißer, sanfter Löwe, wirklich leuchtende Ausnahme unter vielen Blendern. Der Denk-Künstler, zu dem sein Geburtsbild mit dem Überhang des Kreativen so passt. Nicht nur, weil er den Löwe-Kopf hatte mit diesen Locken. Er bediente ja sowieso nie ein Klischee. Es was wirklich, dieses Leben, was er da in seiner überbordenden Kraft zum Schaffen ausfüllte. So konstruktiv man das nur kann. Mit dem "Savannenblick", wie Döbereiner einmal den Slogan der Sonne nannte: Alles ist meine Welt (Skupsch). Vorbedingung für den Schützen, und das, was nach Widders Einzelkampf folgt. Löwe sieht auch schon die anderen, aber hat sonst den Unterschied, den der Scheinwerfer macht: Wer wird beleuchtet? Roger Willemsen war aber bescheiden, der Jungfrau-Anteil, der dem Feuer vorauslief. Ihm fehlte völlig die Unreife, die so eine narzisstische Betonung in den Zeichen manchmal bringt. Ausgleichend auch ein Fighter und Bohrer, mit Pluto im Koffer des Wesentlichen. 

Eins, zwei, alles drehte sich um ihn, unverlangt, aber gern genommen. Erstaunt betrachtet, und doch erhielt er sich das typisch junge, frische Herz im Schaffen. Kindlicher König Kronenlos, der keinen Dünkel kannte - weil der "gute Löwe" selbstsicher ist, in vieler Hinsicht. Da braucht man dann viele "entzauberte" Varianten des destruktiven 5. Zeichens gar nicht mehr. Da bleibt man, wo man ist. Bei sich - und antwortet den anderen trotzdem, mit Sonne-Venus eifrig, neugierig, fast wie eine Sonne in 7, hungrig auf Austausch, der nichts unbeantwortet lässt.

Als ich irgendwann mit Willemsen mailte, der zwischen Namen und No-Names keinen Unterschied machte, immer voll Würde dessen, der gewährt, da er sich das leisten kann, habe ich die Generosität des Löwen im Konstruktiven erstmals verstanden. Wie wissensdurstig der in Sachen Leben ist. Es tröstete mich damals auch, wie er die Arroganz des Literatur-Betriebs erlebte. Ein paar treffende Sätze Jungfrau-Merkurs, die fraglos Wunden zwar nicht heilten, aber sehr, sehr abmilderten, die aus einem Crash mit einem anderen Kritiker-Gott stammten (mit Mars Quadrat zu meinem Mars). Erde überaus spürbar, klare Klugheit, Sanftheit, Berührbarkeit, die dem starken Merkur als Nutzer, Verwerter, Helfer im besten Sinn den genauso starken Krebs-Mond zur Seite gaben. Alles sinnvoll nur mit Sinn voll. Krebs und Schütze spiegeln - auch der bewegliche Erd-Merkur ist ein Jupiter-Bruder. Gott sei sein Vorbild, meinte Willemsen mal selbstironisch (typisch für Mars- und Sonne-Pluto) und dazu passt die Sache mit Jupiters Sinn.

„Was das Wichtige ist: gib dem Leben überhaupt einen Sinn, eine Bedeutung, die über den Spaß hinausgeht." (Willemsen, ein Füger: Jupiter-Venus-Sonne-Mars-Konjunktion, via Katholische Nachrichten-Agentur + Focus)

Seht euch also einfach mal Willemsen an, lest ihn, wenn ihr in Versuchung geratet, Erd-Merkur zu mobben, denn seiner hier destillierte unvergleichlich elegant und verständlich diese begriffliche und unbegriffene Welt. Und dann hatte Willemsen natürlich auch Denk-Macht, mit Pluto aus Löwen dazu in Konjunktion und blieb dennoch mehrheitsfähig. Deshalb habe ich mich seinerzeit gefragt, ob er wohl Jungfrau-AC wäre - da er all die Ideen nutzbar machte. Die wilden Feuer-Planeten dann in 12, gesegnet mit dem Charisma des Mythos, in sich aber geheim. Das würde passen, wo er in seiner ganzen Vitalität sonst so schlicht sein wollte und merkurisch "genau" war. Eins seiner bedeutsamen Stichworte, unbeliebt in ungenauen Zeiten, obwohl man ihn dann genau dafür liebte, was er sagte, tat. Was ihn auch zu einer Art Alien machte, nicht nur intellektuell, überhaupt, weil sein Hirn einfach schneller funktionierte als das vieler anderer. Er konnte über vieles so lächeln, dass man wieder zutraulich wurde, dem Leben gegenüber und vertrauter. Verschmitzt.

All diese altmodischen, aber nicht nostalgischen Worte fallen einem eben bei diesem Hyper-Löwen ein, obwohl bei Mars-Pluto sicher ist - er wird seine zerstörerischen Prozesse durchgemacht haben, immer wieder. Und doch ist da der Kanon: Verschmitztheit, Höflichkeit, Artigkeit, Verve, Tausendsassa, die "Schnurren", die er erzählte, die Fräuleins und Backfische, die ihn liebten. Für den Kokolores, den er machen konnte, mit seinen Projekten (auch Sonne-Jupiter), Büchern (noch mal Jupiter), Sendungen. Vor allem auch für sein Herz in allem, was man spürte. Der Löwe-Jackpot, sich erwärmen zu können. Krebs würdigt die Vergangenheit - und Willemsen in seinem Sein auch. Er war als Institution wie ein Halteseil ins Sichere.

Auch wenn dieser Mond, Krebs, einer der launischsten ist. Und einer, der am meisten fühlen wird und kann, der sich immer nur schützt, weil er sonst zu schnell aufbrechbar wäre, wenn er nicht den Löwen vor sich setzte und den Zwilling im Rücken hätte. Gegen und für all das stand bei Willemsen die steife, drohende Tiefe eines Skorpion-Saturn im Quadrat, der die Schmerzen der Welt kennt und der ihnen zulächelt, wenn er sie schon nicht weglächeln kann. Das Süße mit dem Bitteren nehmen - dafür war dieser Mann das beste Beispiel. Er wollte nicht erst  nach seinem Leben feststellen, wie wichtig, schön und wahr sein Leben war. Wer Willemsens Chart sieht, sieht auch sofort, dass er als Kind metaphorisch in den Topf mit Zaubertrank gefallen ist, so sehr ihm auch das Demonstrative, die Anerkennungs süchtige Attitüde der fünf Löwe-Faktoren fehlte: All das spürte man doch darunter - den Stolz, den Krebs-Mond dann lieber tief verpackt, um nicht öffentlich gedemütigt zu werden. Wünsche nach Anerkennung, die hier kommen muss, bedürftig, wie man mit dem Mondigsten aller mondigen Mond-Zeichen überhaupt ist. Fast weiblich im Gespür für alles Emotionale. Fast zerbrochen, wenn einer das nicht mitspürt, tiefer, tiefer.

Mit kühlenden Distanzen

Einem Löwen muss das herausfordernd gewesen sein, weil es das Spielerische, was er derart eindeutig hatte, eben mit jener Würde der Skorpion-Tiefe im Konflikt versah, wie sie Löwen sonst nicht gut aushalten. Aber Willemsen hatte eben auch noch diesen Verstand und das Verstehen, zu sich selbst in Distanz zu gehen. Wassermann-Chiron Quinkunx Merkur - Luft für das Grübeln, das Vorsorgen, das Löcher-Stopfen, auch wenn das dann unerträglich weh ist, das Bild, das einem mental immer wieder begegnet. Die Welt war eben nie so rebellisch im Geist, wie man es sich wünscht. Jeder Wassermann-Chiron kennt das, was da fehlt. Will es heilen. Scheitert, versucht es wieder. Mit Entfernung zum letzten Versuch. Am anderen Ende, wo Willemsen auch nur ein einfaches Löwenherz war, sieht er sich eben auch deshalb, wegen der kühlenden Distanzen, die sein Jungfrau-Denken zurücklegen kann, wahr und wirklich und leicht fehlerhaft:  

„Ich finde mich bis heute nicht sexy. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Frauen besinnungslos zu quatschen.“ (Willemsen, Merkur Jungfrau, via Focus + ZEIT Campus)

Geboren in eine bildungsbürgerliche Familie, war er wegen seiner Intelligenz wahrscheinlich auch ein Hoffnungsträger mit seinem hellen, schnellen Licht. All der marsischen Initiative. Und trotzdem, mit Venus im Bund, auch ein Spaziergänger, Finder, nicht Sucher. Man begegnete ihm, Welt begegnete ihm. All die Überraschungen, das Andere, das er so entdeckte in anderen. Er hatte das seltene Talent für einen Löwen, wirklich Gegenüber wahrzunehmen. Witzig, verlangsamend, wo andere zu schnell und beschleunigend, wo andere zu langsam waren.

Löwe gibt ja auch häufig überall spontan den Ton an, legt den Gang ein - und zwar nicht "wegen der Sache", sondern wegen seiner Person. Weil er mitzieht, weil Tempus und Tempo Willemsen-Angelegenheiten waren. Nie beliebig, wo der Trend gerade in den Medien immer mehr zur Beliebigkeit ging, immer zutiefst privat, wie es die Zeichen des zweiten Quadranten sind. Fühler. Keine Vollstrecker ohne Gespür. Natürlich mit dem prominenten Feuer-Jupiter auch "ein Weltreisender aus Leidenschaft" (Spiegel). Wobei das auch nur ein Abbild seiner philosophischen Wege war.

Reisen im Kopf und im Körper, erfühlen darunter, was erfühlbedüftig ist, auf einen Erkenner wartet - und fürsorglich im Weitergeben, Lehren. Krebs-Schütze-Schatten. Er ist der Jung-Philosoph, promoviert dann über Robert Musil, das muss man ihm erst mal nachmachen. Der setzt ihm Skorpion-Sonne-Mars (Radix Musil Astro-Databank) auf den Saturn, erweckt mit dieser gleichen Konstellation, wie sie Willemsen hat, eben auch dessen Biss, Bereitschaft zu tiefer Mühe. Er wird Gelehrter im alten Sinn, ein Professor und über allem ein hochbegabter Unterhalter. Als Löwe, der schnelle Ergebnisse braucht, war er bei den Medien als Basic-Bank eben auch richtig. Unter Jupiter-Return ging er 1991 richtig zum Fernsehen und fiel bald auf. Durch und durch Löwe-Persönlichkeit, die mit Persönlichkeiten redet, großen Leuten und kleinen Leuten. Willemsen hat zweifellos einen Hang zum Intimen, er schafft das Unter-Vier-Augen-Gefühl - denn er besetzt den ganzen zweiten Quadranten: Mond Krebs, die Löwe-Cluster und der Jungfrau-Merkur. Nahtlos nah.

Neben überaus freundlichen, nein, noch mehr: wertschätzenden Zugängen (einer Venus-Gabe) ist er aber auch knallig, wenn's passt - nie grob billig fies, selten nur zynisch, aber dann wieder spitz und hoch ironisch, wie man an dieser kleinen Beschreibung einer akuten Model-Größe sah:   

„Da möchte man dann elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr rausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre." (Herr Willemsen, Merkur-Pluto, über Frau Klum, via taz 2009 + Focus)

Autsch, wie seine trendigen Kollegen nun vielleicht schreiben würden. Tja. Auch das für den Löwen nur ein weiterer Ausschnitt aus dem abbildbaren, zeigbaren Leben. Roger Willemsen, der so viel Bekanntheit hatte, weil er einfach blieb wie er war (das Individuum Löwe, das zu sich stehen kann), verabschiedet sich irgendwann von einem anderen Ausdruck des Zeichens, dem Glanz, von dem es sich ja sonst gern beregnen lässt.

Wenn nicht gar bescheinen. Aber seinem Merkur und Mond, Erde-Wasser, wurde wohl offenbar das Talmi, das Katzengold, der Schein, die Oberflächlichkeit der Berühmtheit oder Auswechselbarkeit simpler Prominenz, irgendwann für sich unheimlich, wenn nicht gar zuviel. Er schrieb wieder mehr, statt in "den Medien" als ewiger Hans im Glück aufzutauchen. Und wenn, redete er dort gern, wie beim Schweizer Fernsehen, über Bücher, die Jupiter ja liebt. Auch wenn Löwe ohne sie auskommen kann.

In seiner unverwechselbaren Art - in Durchdringung. In die Tiefe hinein, auf der Höhe des Seins, das Feuer als Funken der Spannung über dem Wissen-Wollen der Jungfrau. Oder - der Einsamkeit des Neptunischen, das bei ihm, wenn nicht über ein besetztes 12. Haus, dann über einen prominenten Neptun im wichtigen Feld (auch Skorpion-AC wäre denkbar!) eine hintergründige Tragfläche gewesen sein muss. Denn erst jetzt, da er tot ist, geht einem richtig auf, wie wenig man über das Individuum, den privaten Willemsen weiß, über ihn, der doch so viel Privates locker und elegant von anderen erfuhr, wenn er sie interviewte. Und der überdies leidenschaftlich gewesen sein muss mit Sonne-Venus-Mars im Feuer. Aber er mochte das, er selbst zu sein, ohne Ansprüche anderer, denen sich sein Mond hätte zu schnell verfügen können:

„Ich lebe gerne allein. Anziehen, was ich will. Musik auflegen, wie ich will. Essen, schlafen, liegen, sitzen, wo und wie ich will – das ist für mich ein sehr glücklicher Zustand.“ (Willemsen, Krebs-Mond, via Chrismon + Focus)

Man wusste, dass er eine Weile mit Sandra Maischberger zusammen war, der Jungfrau, die ihm Venus auf Venus-Jupiter setzte. Und mit Schützin Dennenesch Zoude, wie er ein Löwe-Jupiter. Er meinte auch einmal im ZEIT-Interview, es fiele ihm gar nicht schwer, über sexuelle Kühnheiten zu reden, was stimmte, weshalb seine Interviewer dann manchmal die Welt nicht mehr verstanden. Das war ihnen nicht prüde genug. Vermutlich überlas man so etwas allerdings auch leicht, weil es nicht zur Intellektuellen-Larve eines Vorzeige-Kopffüßlers wie Roger Willemsen passte. Als er eine Pornodarstellerin interviewt und "alles von ihr wissen will", fühlt er sich selbst wie ein Konfirmand. Das Seine ist, dass er frei und fast zeigefreudig darüber spricht. Der Löwe macht eben aus seinem Herzen keine Mördergrube. Auch nicht daraus, wie dankbar er über all seine Erfahrungen ist. Auch so ein unmodernes Wort, das in seinem Kosmos sehr, sehr wichtig war. Deshalb gehört es auch hier unbedingt ans Ende. Danke, Roger Willemsen, für viel intelligentes, lebendiges, mitreißendes Gefühl und diese vibrierende, neugierige Klugheit des Feuers, die wohl wirklich langsam ausstirbt, da Derivate sie ersetzen.

Focus-Zitate aus: Die klügsten Zitate von Roger Willemsen

Bilder (bearbeitet): blu-news.org (Roger Willemsen) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)] + © Raimond Spekking + von Wmpearl (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

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Dienstag, 6. Dezember 2016

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