Amon, das Mädchen und der Mut

Es gibt Geschichten, die sind so gespenstisch, bedrückend und mutig, dass sie das Leben und seine sonst so sicheren kausalen Maßstäbe aus den Angeln heben. Meist spielen dabei aus astrologischer Sicht die alten "Schicksals-Planeten" eine Hauptrolle. An einem warmen August-Tag 2008 befindet sich Chiron mundan in Konjunktion mit dem aufsteigenden Mondknoten. Ein Aspekt stärkster Verletzung und Heilung. Beide bilden mit Neptun ein Quadrat zum Stier-Geburts-Saturn (und Mond) einer 38jährigen Frau, die in einer Hamburger Bibliothek steht und ein Buch durchblättert. von einer Minute auf die andere verliert sie plötzlich ihr altes Leben und findet eine völlig neue Identität. Ihre Transit-Konstellation bezeichnet auch: die Untröstlichkeit. 

Die Frau ist sehr groß, schön, eine Krebs-Sonne, und sie erlebt gerade die schwere Pluto-Opposition über Zwillinge-Merkur, der ohnehin ein Quadrat zum Geburts-Pluto mitbringt. Das fixierte, bohrende Denken, das einkreist und detektivisch erspürt. Mit ihrer dunklen Hautfarbe nannte man sie früher auch verletzend "Mischling". Sie heisst Jennifer und sucht nach irgendetwas, was helfen könnte, ihre jahrelangen Depressionen zu verstehen. In dem Buch, das sie nun aufschlägt, entdeckt sie stattdessen nicht nur unvermittelt ihre Mutter, die sie kaum kennt, weil Jennifer adoptiert ist und als Baby in ein Heim gegeben wurde. Sondern auch: Amon Göth, den "Schlächter von Plaszow". Schütze mit Skorpion-Mars und -Venus. Einen Mann, der Jennifer Teege bisher nur aus dem Film "Schindlers Liste" ein Begriff war, dessen intensive Bilder sie nie loswurde. Wie er von seiner Terrasse aus Spaß Juden erschoss, oder seine geliebten, scharf gemachten Hunde Ralf und Rolf Menschen zerfleischen ließ. Ihren Großvater. Als Erwachsene stößt Jennifer Teege auf ein anderes Leben, das sie nie losließ, gerade, weil sie es nicht kannte. In Familien-Systemen setzt sich Wahrheit letztlich durch. Dieser Tag beendet durch einen Zu-Fall Jahrzehnte psychischer Qualen und Unwissenheit.

Unter anlaufendem Pluto-Transit zum Sonne-Uranus-Quadrat im Radix macht sie sich auf die Suche nach ihrer Geschichte und schreibt sich am Ende selbst frei. "Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen" (Rowohlt). Was mit Chiron-Nordknoten mundan begann, endet mit Saturn-Nordknoten mundan. Zyklen der Entwicklung von der entsetzlichen Wunde zur schnörkellosen Suche nach einer klaren, fraglosen Ethik im Trauma der Zeit. Dies ist ein sehr einfaches, mutiges und hoffnungsvolles Buch. Genauso schockierend wie Teeges Leben.

Jennifer Teege (Radix rechts, ohne Geburtszeit) hat eine dieser klassischen Sonne-Uranus-Geschichten. Chronische unterschwellige Bedrohung, Wechsel im Kern-Empfinden, Brüche. Sie wird herumgereicht. Dass sie Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen ist, weiß sie 2008 natürlich bereits. Als sie zufällig in einer der Krisen, die sie so lange schon in sich kennt, aber nicht erklären kann, auf das Buch über ihre Mutter stößt (Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?), ahnt sie nicht im Ansatz, wie sehr ihr Großvater in die deutsche Geschichte verwickelt ist. Amon Göth, der Nazi.

Nach jahrelangem Dasein als Pflegekind wird sie bei Pluto Konjunktion Uranus und Quadrat zur hoch sensiblen Krebs-Sonne von einer gut situierten Münchner Familie adoptiert und darf danach die Mutter nicht mehr sehen, die sie ohnehin kaum einmal aus dem Heim abgeholt hat. Schlimmer ist, dass sie damit auch die Großmutter verliert, die einzige Verwandte, die ihr damals etwas Wärme vermittelt. Diese Frau, eine Schönheit, die sie der Enkelin vererbt hat, war Amon Göths Geliebte im polnischen Lager Plaszow, wo er mit weißen Handschuhen und Hütchen loszog, wenn er Lust hatte, Juden zu töten. All das überfliegt Teege nun, in diesen Minuten in einer Bücherei, die ein ganzes Leben umwerfen. Über die Großmutter, die später, nach Göths Hinrichtung, sogar nachträglich seinen Namen annahm, weil sie nie aufhören konnte, den charismatischen, doppelgesichtigen Riesen zu lieben.

Er in seiner schwarzen Uniform mit den Totenköpfen, ich das schwarze Enkelkind. Was hätte er zu einer dunklen Enkeltochter gesagt, die noch dazu Hebräisch spricht?" (aus: "Amon", Jennifer Teege)

Amon Göth (Radix ohne Geburtszeit links) und seine Enkelin Jennifer, die bestens situierte Hamburger Werbetexterin, haben ein fast exaktes Pluto-Pluto-Quadrat miteinander. Nachdem die Hamburgerin Namen und Geburtsdaten von Amon Göths Tochter Monika wiedererkennt, als die Daten ihrer eigenen Mutter, flüchtet sie mit dem Buch und legt sich draußen auf eine Parkbank. Sie kann sich nicht mehr rühren. Alles bricht zusammen. Ihr Merkur steht nicht nur unter Pluto, sondern auch unter Uranus aus den Fischen. Ein radikaler Bruch mit allem, was sie sich bisher ausdachte und ausmalte. Alles ist auf einmal anders - in ihrem Leben, das sowieso stets anders war. Die kardinale Klimax mit Bezug zu ihrem Horoskop kündigt sich traumatisch heftig an. 

Dieser Mann, ihr Großvater, hat Tausende von Menschen umgebracht, viele aus reinem Vergnügen, mit eigener Hand. An strahlenden Tagen wie diesem, an dem seine Enkelin erstarrt in einer Bibliothek seht und in ihrer persönlichen, unbekannten Geschichte blättert. Die Gefahr der Grenzüberschreitung deutet sich schon in Göths Horoskop an - nicht durch Sonne in der Nähe der GZ-Grade, die ohnehin alles aufputschen, was für energetische Überdehnung oder Untertreibung anfällig ist. Sondern über eine sehr fein vernetzte Anlage in der klassischen Zeichenfolge des Begegnungs-Quadranten, die oft mit dem Kreislauf von Narzissmus, Sadismus, Trauma und Größenwahn verbunden zu sein scheint - vor allem, wenn sie mit dem 1. Quadranten gemeinsam auftaucht - am Menschen, seiner Erscheinung als Handelndem. Letzteres ist bei Göth ohne Geburtszeit nicht zu erkennen - aber die Vernetzung der Risiken zum möglichen Abrutschen in das, was man das "Böse" nennt, zeigt sich deutlich auf den ersten Blick. 

Als Jennifer Teege in jenem August 2008 langsam anfängt, wieder zu denken, beginnt die lange Suche nach Amon, Großvater, Mörder, dem unbekannten Vorfahr, der auch astrologisch in das Muster derer passt, die als Massen- oder Serien-Mörder bekannt wurden. Häufig spielen in solchen Geburts-Bildern die drei Zodiak-Zeichen und Herrscher-Planeten des 3. Quadranten eine Rolle. Waage oder Venus, deren Harmonie-Suche und moralisierende Ideen auch in geistiger Brutalität, Taktik und Propaganda, sowie ständiger Rechtfertigung von "Re-Aktion" pervertieren kann und die das Geistige mit der ständigen Existenzbedrohung ihres ersten Zeichens Stier thematisch verbindet. Skorpion oder Mars-Pluto, wo unglaubliche Loyalität, ethische Fokussierung und Intensität sich in komplett verdrehte seelische Konzepte verwandeln können, die in der Lage sind, inneren Druck und Panik durch Kontrolle, entmenschlichten Zwang und Manipulation zu konterkarieren. Und Schütze oder Jupiter, dessen Vision, Missionen, "Think-Big"-Basics und endlose Sucht nach überschreitbaren Horizonten sich zuweilen als schwerste Kolonialisierung von allem und jedem und Einbrüchen in das Fremde jeder Welt zeigt.

Amon Göth, Freund von Oskar Schindler, hat (selbst ohne Geburtszeit) mehrere Faktoren eines so oder ähnlich vielfach auftretenden, manchmal mörderischen Musters im Radix. Hitlers gesamtes Horoskop (rechts) beinhaltet Narzissmus und Sadismus über mehrere, vernetzte Komponenten: Die Zeichenfolge von Waage bis Schütze wird nahtlos bereits im 1. Quadranten thematisiert und führt mit AC-Herrin und wiederum Pluto zuhause (im Feld) den Kontakt des Waage-Skorpion-Thematik (Moral oder Ethik) massiv an. Ein erster, aber nur sehr schwacher Hinweis auf die "Option", den destruktiven Pol der Zeichenfolge "an sich, in sich" zu leben. Die Ahnung bestätigt sich über die sehr dominante Venus-End-Herrschaft in der Zeichen-Kette - Welt als Eigentum und Propaganda-Feld gleichermaßen in 7 im Stier. Dominante Häuser- und Zeichen-Herrschaft der AC-Herrin, mit einem zerstörerischen Mars an ihrer Seite. Als Rechtfertiger, der alle Ursache an "die anderen" delegiert und in Hitlers Radix wiederum (plus Jupiter aus 3, also beim Selbst) als beide End-Herr sämtlicher Häuser auftaucht. 

Auch bei Amon Göth gibt es diesen hoch problematischen Mars mit Venus im Horoskop, die für sich indirekt per Aspekt Waage und Widder, Stier und Skorpion verbinden. Isoliert würde das mitnichten reichen, um astrologisch eine starke Anfälligkeit für sadistische oder gar narzisstische Tendenzen anzunehmen. Aber im Radix des KZ-Kommandanten findet man auch einen geschlossenen Kreislauf von Sonne über Merkur zu Jupiter und zurück. Mit dem Selbst verbundene Größen-Fantasien, die sich bei Hitler über Mond (Mit-Herr 9 in 3!) und Jupiter selbst eng im Quadranten des Eigenen spiegeln. Dazu kommt bei Göth eine Pluto-Opposition zur Sonne mit ihren Göttlichkeits-Schüben (speziell in Kontakt zum Schützen), die dann Mars und Venus über Pluto mit ins Boot holt. Von ihm ist bekannt, dass er sich mit besessener Kälte Opfer unter den jüdischen Zwangs-Arbeitern aussuchte, die er dann persönlich demütigte, erschoss oder von Dogge und Schäferhund erledigen ließ. Mindestens 500 Juden soll er so eigenhändig und gezielt aus "Lust" ermordet haben, während Hitler "kollektiv" töten ließ und sich nur seltenst selbst die Hände schmutzig machte. Er brauchte als geistiger Einpeitscher mit dem Luft-AC Menschen wie Göth, die ihm den ersten Quadranten "belebten" und als Stellvertreter für ihn die "Arbeit" des Mordens übernahmen.

Ich glaube, dass wir alle Anteile von Amon Göth in uns tragen. Würde ich glauben, bei mir seien es mehr, so würde ich wie ein Nazi denken und an die Macht des Blutes glauben. (aus: "Amon", Jennifer Teege)

Während Jennifer Teege, Göths schwarze Enkelin, in ihrem Buch diese schwierigen (weil gerade in der Nazi-Moral zutiefst missbrauchten) und pop-psychologisch weiter gern benutzten "Vererbungs"-Fragen unter ihren Pluto-Transiten (er bezeichnet ja unter anderem auch das Erbe) immer wieder thematisiert und sich sehr sachlich davon distanziert, ist astrologisch ebenso klar zu sehen, wie richtig sie damit liegt. Wie sehr sich ihre Geburts-Anlage von der des Großvaters abheben und deutlichst unterscheiden. Hier gibt es wenig familiäre Übertragung, wie man sie sonst häufig in solchen Familien-Systemen sieht und manchmal sogar gradgenau nachvollziehen kann.

Was an sie "weitergegeben" wird, ist eher die kollektive Frage einer absolut gegeneinander abgegrenzten Pluto-Quadratur aus dem über-persönlichen Bereich. Insbesondere die astrologisch übernommenen brisanten Skorpion- und Schütze-Anteile Göths, die ihre Mutter unmittelbar von ihm übernahm, fehlen bei Teege ganz. Sie tauchen bei seiner Tochter Monika (Radix links) noch in einer Sonne-Lilith-Konjunktion und Mond-Merkur auf. Teege wiederum trifft sich mit ihrer Mutter lediglich stark beim Krebs-Mars, der Tendenz zum weichen Mann. In beiden Geburts-Bildern auch als Gegen-Zeichen von Amon Göths Lagerung. Seine Verunsicherung findet ja ausgerechnet genau dort, im Krebs, statt, bei ihm das Symbol der Konfusion im tabuisierten Emotionalen, gestempelt durch Neptun als Einsamkeits- und Frustrations-Punkt. Du darfst nicht fühlen oder: Entwirre deine Gefühle, hieß das als Unterlage einer gesamten Generation, die mit diesem Muster um die Jahrhundertwende aufwuchs.

Tochter und Enkelin haben dieses Motto eindeutig nicht übernommen, da ihr Antrieb im Emotionalen steht und extrem stark auf Empfindung eingestimmt ist. Beide haben sie den Mann, der so viel Schmerz über so viele Menschen und auch zu seinen Nachkommen brachte, nie kennengelernt. Seine Tochter war erst 10 Monate, als er hingerichtet wurde. Während Monika aber noch in direkter Folge von Göths Zeichen-Anlagen beeinflusst ist und daher vermutlich völlig unbewusst familiäre Archetypen geradezu einatmete (sie kannte die Geschichte ihres Vaters), hat Jennifer eine komplett andere seelische Mitgift. Zwei Kinder "schwarzer Männer" - das eine, Monika, aufgewachsen bei einer Mutter, die den Nazi als Helden bis zum Tod idealisierte. Das andere, Jennifer, wiederum nach dieser Erfahrung der kompletten Blindheit abgetrennt. Durch ähnliche Verdrängung und die Ablehnung einer - höchste Verdrängung gewohnten - Mutter. So in unfreiwilligem Schutz vor dem gebrochenen Familien-System schon ausgewachsen, war Teege letztlich auch massiv und radikal befreit vom seelischen "Erbe" dieses Amons. Was schon ihr Radix klar aufzeigt. Dass sie ausgerechnet Jahre in Israel lebt, später, vor der Entdeckung, dass sie kaum wagt, ihren engsten jüdischen Freundinnen dort nach dem Schock des plötzlichen "Wissens" zu erzählen, wer sie ist, spricht genauso für sie selbst wie ihr Radix. Und ihr Buch.

Ich wäre für ihn nur ein Schandfleck gewesen, ein Bastard, der die Familienehre beschmutzt. Mein Großvater hätte mich bestimmt erschossen." (aus: "Amon", Jennifer Teege)

Leider ist es durch die fehlenden Geburtszeiten unmöglich, in allen drei Horoskopen feiner zu analysieren, warum was passierte. Sicher ist: Von einer Last, die einem aufbürdet, die Enkelin eines Amon Göth zu sein, kann einen nichts und niemand befreien. Aber: Seit Jennifer Teege weiß, wer sie ist, hatte sie offenbar nie mehr die tiefen, verzweifelten Depressionen, die sie vor der Entdeckung immer wieder hinterrücks überfielen. Wahrheit setzt sich so oder so durch, auch wenn man sie gar nicht kennt. Manchmal als schwarze Wolke über einem ganzen Dasein. Wegen ihres Umgangs, der Suche, letztlich der Radikalität der Präsentation, ist Amon Göths Enkelin wirklich zu wünschen, dass sie als hoch sensible und intelligente (Merkur-Jupiter in Luft) und mutige Frau, die mit Sonne-Uranus radikal ihre eigenen Zweifel, Panik und familiäre Bürde öffentlich macht, nun ein weniger seelisch zersplittertes, gutes Leben leben kann.

Amon Göth, ihr Großvater, wurde 1946 in Krakau hingerichtet, als Pluto im Quadrat zu seiner Mars-Venus-Konjunktion im Skorpion stand. Dreimal musste zur Exekution angesetzt werden, weil der Henker jedes Mal Göths körperliche Größe unterschätzte, sich aufrappelte und er einfach weiterlebte. Ein schreckliches Bild für die Überlebens-Triebe und -fähigkeiten der so überstabilen, fixen astrologischen Positionen. Damals standen Mars-Chiron und Jupiter dort in der Waage, wo Jahre später auch Jennifer Teeges Jupiter auftauchen würde.

Ein hoffnungsvolles Symbol dafür, dass andere, in ihrer Eingebundenheit in einen Kosmos, den sie mit nichts verschuldet haben, dennoch mit großer Kraft und Direktheit immer wieder überleben können und werden.

Bild-Quellen: Buchcover "Amon", Jennifer Teege + Republic of Poland (via Wikimedia Commons)

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Montag, 27. Juni 2016

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