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Astro-Labor

Pioniere: Ficinos beseelter Kosmos

Die Weisheit vom Lauf der Gestirne ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Auf wessen Schultern stehen wir also eigentlich als moderne Freunde einer sehr alten Wissenschaft? Der Beginn der Neuzeit markiert ja nicht nur das Fundament der Naturwissenschaft, sondern auch das der modernen Astrologie. Obwohl die Wurzeln der Sternenkunde über mehrere Jahrtausende zurückreichen, wurden die entscheidenden Weichen einer heute individual-psychologischen Ausrichtung in der Renaissance gestellt, vor dem Aufkommen des sogenannten Rationalismus.

Herausragende Marksteine auf dem Weg der astro-psychologischen Theorienbildung waren die Persönlichkeiten von Ficino, Paracelsus und Kepler. Loop! veröffentlicht ab heute in lockerer Folge eine Serie des bekannten Astrologen, Autors und Psychologen RICHARD VETTER über das Leben dieser Sternen-Pioniere. Die Original-Texte und viele Hintergründe als inhaltliche, astrologische Tools sind auf seinem umfangreichen Blog ASTROINFO zu lesen.


Marsilio Ficino lebte in Florenz von 1433 bis 1499. Er war Arzt (ein Beruf, der zur damaligen Zeit wie selbstverständlich Astrologie beinhaltete), Philosoph, Dichter und Musiker.
Gefördert von der Fürstenfamilie der Medici, fertigte er schon in jungen Jahren eine vollständige Übersetzung Platos an; darüber hinaus übersetzte er etliche hermetische Schriften (die man dem sagenhaften Hermes Trismegistos zuschrieb), sowie Plotin und Pythagoras. 

Er war Mittelpunkt einer (neuerlichen, virtuellen) "Platonischen Akademie", deren Mitglieder sich - trotz aller persönlichen und weltanschaulichen Differenzen - als Humanisten-Gemeinschaft einander verbunden fühlten durch ihr jeweiliges Gegründetsein in Gott - getreu dem Ideal der Platonischen (= göttlichen) Liebe. Er war Vertreter einer "prisca theologia" (Ur-Theologie), einer "ewigen", wenn auch christlichen Philosophie (philosophia perennis), wurde spät noch Priester, bekam es gegen Ende seines Lebens dennoch mit der Inquisition zu tun bzw. wurde gerade wegen seiner Astrologie der Häresie verdächtigt. 

 Der Humanismus

Im ausgehenden Mittelalter wurden viele verschüttete antike (insbesondere griechische) Quellen wiederentdeckt. Dies veränderte grundlegend das Denken der Zeit. Man stellte andere und undogmatische, d.h. nicht mehr nur kirchlich gebundene Fragen. Die klassischen theologischen Texte wurden auf einmal massiv angezweifelt - unter Rückbezug auf noch ältere, "höhere" Autoritäten. Neue, unvoreingenommene Überlegungen und Beobachtungen kamen auf und bereiteten den Weg u.a. für die moderne Naturwissenschaft. Neben dem die früheren Forscher erleuchtenden "Licht der Schrift" akzeptierte man nun auch ein "Licht der Natur" - sowie das sog. "innere Licht". Damit einher ging ein neues Selbstverständnis. Als Ebenbild Gottes sollte und durfte der Mensch nunmehr mündig und schöpferisch sein. Individuelle Freiheit und Würde rangierten ganz oben. Erziehung und Bildung wurden für außerordentlich wichtig erachtet. Eine fast schwärmerische Romantik erwachte: plötzlich war subjektive Meinung gefragt, d.h. auch seine jeweiligen Erlebnisse und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Der Blick der Zeit war grundsätzlich auf Positives in Welt und Mensch gerichtet, gerade auch auf die Entfaltung des persönlichen Entwicklungspotentials.

Zugleich wurden in der Kunst der Renaissance vormalige Grenzen überschritten, neue Proportionen entdeckt bzw. Perspektiven aufgetan. Im Wiederaufleben der hellenistischen Traditionen waren durchaus freizügige Darstellungen des menschlichen Körpers möglich. Die ersten Selbstporträts entstanden; mit ihrem neuen Selbstbewusstsein arbeiteten die Künstler nicht mehr nur zur Ehre Gottes, sondern signierten "blasphemisch" ihre Werke. Insgesamt war es eine liberale, für Unorthodoxes offene und tolerante Zeit; weniger moralisch, mit einer freieren Liebe, lockeren Sitten - was erst mit den Religionskriegen bzw. durch Reformation und Gegenreformation wieder eine dogmatische Verengung erfuhr.

Ein Mitbringsel des humanistischen Rückgriffs auf vorchristliche Quellen war auch die polytheistische "Götter-Religion" der Astrologie - welche in der Folgezeit einen enormen Aufschwung nahm. Sie wurde nicht mehr nur pauschal als gnostische Irrlehre verunglimpft (wie weiland vom Kirchenlehrer Augustinus), sondern galt zumindest als Mantik (als Erkenntnis-Instrument) legitim; lediglich die Praxis der Prognostik wurde nach wie vor skeptisch beäugt. Die "wiederentdeckte" Hermetik animierte generell die Forscher und Denker der Zeit, emanzipierte sie von der erstarrten, verkrusteten mittelalterlichen Scholastik. Die Sternen-Lehre wurde gewissermaßen zum "Latein der Wissenschaftler", zur theoretischen Grundlagenwissenschaft, welcher die Gebildeten ganz Europas anhingen. Humanismus und Renaissance ermöglichten neue, dem überlieferten Aristotelismus fremde Fragestellungen und Hypothesen. Sie förderten eine analytische, der Welt zugewandte Empirie - insbesondere auch eine sachlich-beobachtende bzw. die Gestirns-Stände exakt berechnende Astronomie. Insofern waren die uralte Astrologie, die "natürliche" Magie und die Experimente der Alchemie maßgebliche Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft.

Aus der neuen theologischen Warte des Humanismus (s. etwa Erasmus von Rotterdam) galt die Welt nicht mehr nur als zu überwindender, dunkler Schatten Gottes bzw. als sündhaftes, schuldverstrickendes Reich Satans. Die materielle Welt wurde positiv gesehen - als Schöpfungswerk, d.h. als prinzipiell der Untersuchung und Erforschung wert. Selbiges galt für den einzelnen Menschen, für die individuelle Seele (weshalb beispielsweise auch immer mehr Persönlichkeitshoroskope gefragt waren).

Der Neoplatonismus

Gegen Ende der Antike war Platos Ideen- und Emanationenlehre weiterentwickelt und systematisiert worden (mit spezifischen Zuordnungen - "Affinitäten" bzw. "Sympathien"). Auch Meister Eckehart hing dieser im Grunde "heidnischen" Philosophie an; seinen Höhepunkt erlebte der Neoplatonismus jedoch erst in der Formulierung Ficinos.

In der Kosmologie des Neoplatonismus strömt Gott oder das "Eine" sonnengleich aus und schafft so schrittweise das Universum - angefangen von den Ideen oder Urbildern bis hin zu den Gegenständen der irdischen Welt. Der himmlische "Strahl" steigt in Stufen herab und verzweigt oder differenziert sich dabei zur Vielfalt der Schöpfung. Dies bedeutet, dass alles Geschaffene wesentlich teilhat am Ursprung bzw. Göttlichen. Alle Dinge sind durch ein geistiges Band verbunden; zwischen Materie und Geist besteht ein Kontinuum (gradueller Übergang). Vertreten wird ein Monismus (statt Dualismus) - d.h. dass letztlich nur ein einziges Prinzip (das Eine, Göttliche, Gute) die Welt beherrsche. Plotin: "Das Schlechte als solches existiert nicht; es ist nur ein Mangel - eine Einschränkung, Abschwächung oder Verdunkelung (bzw. Zersplitterung, lt. Jamblich) des Guten."

Von Pseudo-Dionysos christianisiert, prägte die hierarchische, pyramidenförmig gedachte Stufenordnung des Neoplatonismus das mittelalterliche Weltverständnis (mit seiner Rangordnung der Engel und Sphären). In dieser kosmischen Ordnung hatte alles seinen geregelten, fest umrissenen Platz. Noch Hegel, Leibniz und Goethe waren von dieser Anschauung beeinflusst:

Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen
und sich die goldnen Eimer reichen!

(Faust I)

Proklos hatte schon in der Spätantike eine Verbindung von Neoplatonismus und Astrologie geschaffen. Er stellte feine Analogie-Ketten auf (welche "Verwandtschaften" beschrieben, ohne dahinter steckendes Kausal-Verhältnis) bis ins Mineralreich hinab, mit den Planeten als Ausgangsgrundlage - als Prinzipien, die jeweils einen gemeinsamen Sinn stifteten. Diese Art Katalogisierung der Naturphänomene wurde von den Natur-Philosophen das ganze Mittelalter hindurch vollzogen. Noch im siebzehnten Jahrhundert lobte der Jesuit Athanasius Kircher den Analogieschluss als "wunderbares Kompendium, das den Philosophen wie ein Ariadne-Faden leitet, ohne Gefahr, dass er sich jemals im verborgenen Dickicht der Natur verlieren könnte. Mit Hilfe der ars analogica lernt (der Forscher), dass der Zusammenhang der Dinge auf der Erdkugel, im Mikrokosmos, d.h. im Menschen als einem Sohn der Welt, ferner im politischen, meteorologischen, medizinischen und ethischen Bereich strukturell derjenigen in allen einzelnen Planetensystemen gemäß ihren spezifischen Eigenarten und Verhältnissen entspricht..."

Ficino ersetzte bei seiner Assimilation des klassischen Neoplatonismus das transzendente "Eine" durch den - über allem stehenden - christlichen Gott. Zugleich sah er aber auch etliche Parallelen zwischen der hellenistischen und der biblischen Tradition, die er zurückführte auf eine beiden gemeinsame Uroffenbarung, die sog. "philosophia perennis" (welche für Esoteriker noch heute allen Religionen zugrunde liegt). Er vertrat sogar eine Art "Seelenwanderung": dass die Seele vor der Geburt und nach dem Tod durch die verschiedenen Planetensphären reise. Den Kosmos verstand er als einheitlichen Organismus, als im Grunde lebendiges Wesen. In diesem fungierten die Gestirne als "Augen", als Konzentrationspunkte des Himmels - deren Qualitäten die gesamte Schöpfung durchzögen. Die sog. astralen Mächte (jene die Sphären bewegenden Engel oder Daimones) galten ihm als nützliche Mittler zwischen Gott und Mensch. Magie verstand er als die profunde Kenntnis und selbstverständliche Anwendung dieser okkulten Kräfte.

Auch die Erde hielt er für ein beseeltes, lebendiges - und in Entwicklung befindliches - Wesen. Sie war Abglanz des Göttlichen, nicht bloß niedrigste Schöpfungs-Ebene. Wenige Generationen nach ihm sprach Luther (trotz des mäßigenden Einflusses seines Freundes und Ficino-Liebhabers Melanchthon) schon wieder von der Erde als "Sündenpfuhl", bezeichnete den Menschen gar als "durch und durch verderbt"... Für Ficino dagegen war der Mensch in seinem Wesen gut und stets unterwegs zu Gott. Der menschlichen Seele kam in der neoplatonischen Evolutions- bzw. Welt-Erlösungslehre gar eine Schlüsselrolle zu: schließlich war die Rückkehr des emanierten, in der materiellen Vielfalt zerstreuten bzw. "verunreinigten" Schöpfungs-Strahls nur möglich über die tatkräftige Mitwirkung des Individuums bzw. über dessen (Selbst-)Bewusstwerdung. Die Seele ist lt. Ficino...

...das größte aller Wunder in der Natur. Die übrigen Dinge unter Gott sind je ein einziges (partikulares) Wesen, sie aber ist alles zumal (d.h. universal). Sie besitzt in sich die Abbilder der göttlichen Dinge, von denen sie selbst abhängt, sowie die Begriffe und Urbilder der niederen Dinge, die sie selbst in gewisser Weise hervorbringt. Und da sie die Mitte aller Dinge ist, so besitzt sie die Kräfte von allen."

Im menschlichen Geist unterschied Ficino die Intuition, eine Ganzheits- bzw. Einheitsschau, von der Scientia, dem logisch-kausalen und analytischen Wissen. Ganz in Platos Tradition bestand "Erkennen" für ihn in einer Art "Erinnern" - nämlich eine äußere Wahrnehmung mit der inneren Idee zur Deckung zu bringen. Richtiggehend modern (als Vorwegnahme der Hermeneutik Diltheys) mutet folgende Überlegung von ihm an: indem die Seele die Dinge denke und liebe (d.h. sich mit ihnen identifiziere/ damit eins werde), verstehe sie diese erst richtig - und verändere sie zugleich, wirke so auf sie ein. An die mittelalterlichen Mystiker, aber auch an die Phänomenologie Husserls lässt seine Betonung des Kontemplativen denken: der Rückzug von den äußeren Objekten der Welt - bei gleichzeitiger Beschäftigung mit dem eigenen Wesen - bewirke ein stufenweises Aufsteigen der Seele, bis hin zur Entdeckung der eigenen Göttlichkeit, bis zur Erkenntnis der transzendenten platonischen Ideen und sogar Gottes selbst...

Ficinos Astrotherapie

Da unter der Planeten-Herrschaft Saturns (Saturn am Aszendenten) stehend, beklagte sich Ficino in Briefen oft bitterlich über die Gemütskrankheit der Melancholie - d.h. über Zustände der Depressivität. Doch war diese Schattenseite seines Privatlebens zugleich der Quell ausgesprochen lichter Momente: seine Schwermut war Ausgangspunkt der inneren Erfahrung; er begriff die chronische Traurigkeit als Heimweh seiner Seele nach ihrem göttlichen Ursprung. Er erlebte seine Düsternis und Bedrücktheit als dunklen Urgrund von Genialität und Erleuchtung, ja sogar als Voraussetzung eksatischer Verzückung. Ihm wurde klar, dass jedes bewusste Erleben von Kummer die Seele auf eine höhere Ebene hebt - hin zu mehr Tiefe und Weisheit, weg vom flüchtigen materiellen Schein, hin zu wahrer Freude; sein Weltschmerz mündete letztlich in eine Suche nach Gott.

Sobald er sich in die (saturninen) Notwendigkeiten fügte, war er befreit vom Fluch des Dämons Saturn. Entsprechend empfand er den damals äußersten bzw. obersten Planeten-Gott Saturn als ambivalent oder polar: einerseits als Stumpf- und Irrsinn, aber auch als Inbegriff höchster, geistigster Qualitäten. Eine Saturn-Problematik sah er heilbar durch die aktive Zuwendung zu Saturn-Inhalten, indem sich etwa der Kranke gezielt Geistigem widmete, seine schwere Bürde freiwillig auf sich nahm; indem er willentlich oder präventiv Saturn-Bereiche aufsuchte, sich in deren Energien einfühlte bzw. einstimmte ("attuning" lt. moderner New-Age-Terminologie). Aus heutiger Sicht verhält sich dies so, dass durch konstruktive Auseinandersetzung mit spürbar anstehenden Themen psychische Prozesse in Gang gesetzt, dabei die jeweiligen (planetaren) Energien gewissermaßen sublimiert, homöopathisch verfeinert werden.

Ficino hielt den Menschen für grundsätzlich frei und selbstbestimmt - er stehe jenseits der Gestirnskräfte, könne deren Einflüsse mittels Vorstellungskraft (imaginatio) und Meditation (contemplatio) steuern. Die astrologischen Signaturen verstand er nicht als "Kerker der Seele", sondern als hilfreiche und sinnvolle Wegweiser zur persönlichen Entfaltung. Damit überwand er den gnostischen, arabischen und mittelalterlichen Determinismus bzw. Fatalismus (auch wenn Jahrhunderte nach ihm noch immer Astrologen in diese geistige Falle tappen).
In Dürers Kupferstich "Melencolia I" fanden Ficinos Überlegungen zu Saturn beredten Ausdruck, wurden des Planeten Licht- und Schatten-Attribute schön illustriert. Trübsinn wandelt sich hier zu Verinnerlichung und Besinnung, zur geistigen Aktivität. Positiv betrachtet, verleiht Saturn nun mal auch Geduld, Konzentrations-Gabe und ein gutes Gedächtnis; zudem verkörperte er damals die höchste Denkkraft, für Ficino den reinen Geist bzw. Genius - nicht nur den Dämon. Dass in des Saturn Jammertal auch allopathische Mittel von Nutzen sein können, wird angedeutet durch das zur Beschwörung des astralen Gegenspielers angebrachte magische Zahlenquadrat Jupiters im Hintergrund.

Weitere Artikel von Richard Vetter (unter anderem eine interessante Kurz-Beschreibung der Tierkreiszeichen) finden Sie auf seinem Blog ASTROINFO.

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